Klimaschutz-Kocher in Asien: Ein schwieriges Geschäft


DER CLEAN DEVELOPMENT MECHANISM (CDM) DES KYOTO-PROTOKOLLS ERLAUBT FIRMEN AUS INDUSTRIELÄNDERN, IHREN AUSSTOSS VON TREIBHAUSGASEN KLEINZURECHNEN. DAFÜR MÜSSEN SIE KLIMASCHUTZ-PROJEKTE IN ENTWICKLUNGSLÄNDERN NACHWEISEN. WIE HEIKEL GESCHÄFTE DAMIT WERDEN KÖNNEN, ZEIGEN DEUTSCHE INGENIEURE IN INDONESIEN: DORT WOLLEN SIEMENS UND BOSCH GEMEINSAM EINEN PFLANZENÖL-KOCHER VERMARKTEN.

In Europa produzieren und verkaufen die beiden Weltkonzerne Siemens und Bosch seit Jahrzehnten moderne Waschmaschinen und Geschirrspüler. Die gemeinsame Tochter BSH Hausgeräte will nun auch in Indonesien expandieren. Hungernden Tagelöhnern einen Vollautomaten verkaufen zu wollen, wäre natürlich Unfug. Deshalb produziert BSH seit 2007 in Jakarta den Pflanzenöl-Kocher Protos. Der primitive Brenner ist so groß wie ein Schuhkarton, sparsamer als gewohnte Kerosinkocher und hilft theoretisch dem Klimaschutz, weil er Biomasse verwendet.

Demonstration of Protos' plant oil cooker during a visit of Waterland, Purwodadi.

Pro Woche verbraucht Protos zwei Liter Jatropha-Öl. Zum Vergleich: Herkömmliche Geräte verheizen bis zu vier Liter Kerosin. Haushalte könnten damit also langfristig damit 54 Prozent ihrer Brennkosten einsparen (umgerechnet 100 Euro pro Jahr). Im Vergleich zum Sammeln von Brennholz gewinnen die Benutzer außerdem geldwerte Zeit, die sie zum Aufbau eines kleinen Food-Shops oder einer anderen Kleinunternehmung nutzen können.

AM MARKT VORBEIGETÜFTELT
Doch der Markterfolg lässt auf sich warten. Protos ist komplizierter zu bedienen und besteht aus drei Teilen: Zuerst muss der Kocher mit Spiritus oder Kerosin auf die nötige Betriebstemperatur gebracht werden und verheizt danach Jatropha-Öl, das mit einem Schlauch zugepumpt werden muss. Vor allem aber schrecken die hohen Anschaffungskosten: Ein Protos-Gerät kostet umgerechnet rund 50 Dollar. Das ist mehr als sich viele Indonesier leisten können. Laut Weltbank verdienen 60 Prozent der Erwerbstätigen in Indonesien weniger als zwei Dollar pro Tag. Um Protos absetzen zu können, müssten die Deutschen ihren Kocher für 20 Dollar verkaufen, also pro Gerät 30 Dollar drauflegen.

Eine technische Revolution ist Protos somit nicht. Trotzdem hoffen Siemens und Bosch, Indonesiens Küchen damit gesünder und umweltfreundlicher zu machen. „Von 240 Millionen Bürgern kochen in Indonesien ungefähr 100 Millionen mit Kerosin oder Holz“, sagt Dirk Hoffmann, Asien-Manager von Bosch und Siemens. Das Potenzial sei riesig. Irgendwann werden zahlungskräftige Käufer aus Indonesien auch Europas erstklassige Küchentechnik entdecken, glaubt Hoffmann. Mit ihrem Protos gewannen die Konzerne bisher keinen Cent; über mehrere Jahre hinweg wurden insgesamt knapp 1600 Geräte abgesetzt. Damit sich die Produktion rechnet, müsse BSH weit höhere Stückzahlen um die 10 000 Stück pro Jahr erreichen, sagt der Asien-Manager.

FERTIGUNG UNTER FREMDMARKE
Bosch und Siemens argumentieren humanitär. Vor allem aber wollen sie keine Chancen im Schwellenland verpassen. Als Hersteller aller Protos-Komponenten wurde vor zwei Jahren der Maschinenbauer Tjokro in Jakarta beauftragt. Laut Projektmanager Samuel Shiroff waren Kosten damals wie heute Nebensache: „Viel wichtiger ist uns der Technologietransfer.“ So halfen die Deutschen ihrem Partnerbetrieb, eigene Produktionslinien aufzubauen und heimische Mitarbeiter zu schulen. Sollte den mächtigen Technologie-Marken aus Deutschland ein Durchbruch gelingen, brauchen ihre Marken in Indonesien bald selbst loyale Partner und Fachkräfte. Gleichzeitig hüten sich Siemens und Bosch davor, bei Protos unter eigenem Namen aufzutreten.

Den deutschen Ingenieuren ist bewusst, dass ihr Projekt betriebswirtschaftlich nur Sinn hat, wenn sie ihren Kocher möglichst rasch mit Einnahmen aus dem CO2-Handel gegenfinanzieren. Bisher wird Protos den freiwillig angeschlossenen Landwirten der niederländischen Öko-Kooperative Waterland kostenlos überlassen. Bei dem Pilotprojekt, das von Siemens und Bosch unabhängig ist, spendiert Waterland seinen indonesischen Landarbeitern im ersten Jahr sogar das nötige Jatrophaöl.

Moulding press for dried jatropha seeds at Waterland, Purwodadi. (Photos: Peter Hauff)

ZAUBERNUSS MIT FRAGEZEICHEN
Wer mit diesen Bauern spricht, erfährt schnell, dass diese nur mit Protos kochen, weil sie sich dazu verpflichtet fühlen. Als Teil von Waterlands Intercroping-Projekt sitzen sie buchstäblich selbst an der Öl-Quelle. Die ganzjährig Früchte tragenden, nicht endemischen Jathropha-Bäume wachsen auf ihren Plantagen neben Teakbäumen, Mais und anderen Feldfrüchten. Deren pflaumengroße Nuss enthält zwar viel Energie, ist aber ungenießbar. Kleine Pflanzungen für den Handel mit Emissionszertifikaten registrieren zu lassen, würde sich nicht lohnen.

Friedhelm Göltenboth von NatureLife warnt vor überzogenen Hoffnungen auf Jatropha. Die tropische Staude werde in jüngerer Zeit als „eine Art Wunderpflanze“ gesehen, entwickle sich nun aber zu einer „Syndrompflanze mit allerlei Problemen.“ Mit sehr gemischten Gefühlen betrachtet der Experte für Biodiversität, dass die Staude nördlich von Sumatra auf Böden wächst, die eigentlich zur Wiederaufforstung vorgesehen waren. Echte Walderhaltung sehe anders aus, kritisiert Göltenboth. Er warnt davor, dass unerwünschter Wettbewerb zwischen der Herstellung von Biosprit oder Nahrung losbricht, sobald die Nachfrage nach Jatropha-Öl steigt.

AIRLINES FLIEGEN AUF JATROPHA
Da europäische Airlines auch Pflanzenöl aus Jatropha ins Kerosin mischen, droht gutes Ackerland wirklich zu verknappen: Seit Juli 2011 testet die Lufthansa AG den neuen Brennstoff, achtmal täglich hebt der Flieger zwischen Hamburg und Frankfurt ab. Etwa 6,5 Millionen Euro kostet das sechsmonatige Forschungsprojekt. Das Unternehmen will in dieser Zeit den Ausstoß von Kohlendioxid um 1500 Tonnen senken. Das verwendete Jatropha für diesen ersten Langzeittest mit Biosprit im kommerziellen Betrieb stammt ebenfalls von Waterland in Indonesien. Die Luftfahrt-Branche steht unter Druck: Ab 2012 müssen Fluggesellschaften in der Europäischen Union Zertifikate kaufen, sobald sie mehr Schadstoff produzieren als vereinbart. Für Lufthansa ist der Bio-Sprit somit eine « Investition in die Zukunft ».

Ein massenhafter Einsatz des Jatropha-Öls könnte jedoch eine gefährliche Konkurrenz eröffnen – eine zwischen Flugzeugtank und Küchenherd.

P1040463CLEAN DEVELOPMENT MECHANISM
Der Clean Development Mechanism (CDM) ist Teil des 1997 beschlossenen Kyoto-Protokolls. Großunternehmen wie Unilever, RWE oder Siemens sind längst darauf eingestiegen. Ihr Engagement lohnt sich, weil sie mit Zertifikaten für eingesparte Emissionen handeln können. Im Sommer 2011 war jede Tonne eingespartes CO2 rund 8 Euro wert. Kleine Firmen schrecken vor den komplizierten Antragsverfahren allerdings zurück: Bis zur Genehmigung vergehen oft mehrere Jahre. Ansprechpartner der Wirtschaft ist die Deutsche Emissionshandelsstelle im Umweltbundesamt.

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