EUROPAS STERNEFÄNGERIN


Nach einer beispiellosen Karriere als Raumfahrt-Managerin trägt die Französin Elsa Montagnon (38) die Verantwortung für zwei große Missionen. Erfolgreich jagte sie den Kometen « Churyumov-Gerasimenko ».  Ihr neuestes Baby ist eine Expedition zum Planeten Merkur.

 

Irgendwo da draußen, im Weltall, rast mit 21 Kilometern pro Sekunde ein riesengroßes Popcorn. Der Komet « Churyumov-Gerasimenko », so alt wie unser Planetensystem, das vor vier Milliarden Jahren entstand, nähert sich immer wieder der Sonne, um ins Nichts zurückzurasen, mit einem Schweif aus Gas und Staub. Aus welchem Stoff der Komet gebaut ist, erforschen zahlreiche Wissenschaftler derzeit durch Daten. Ans Licht gebracht hat diese Daten Europas zehnjährige Mission « Rosetta ».

Hinter der erfolgreichen Landung von Rosetta steckt auch Elsa Montagnon. Die 38-jährige Französin und ihr Team der Europäischen Raumfahrt-Agentur ESA steuerten die Sonde 6,4 Milliarden Kilometer lang. Fast auf die Sekunde nach Plan, setzte Rosettas Landeeinheit am 12. November 2014 auf „Tschuri“ auf. An diesem Tag schrieb Europa Geschichte. Zusammen mit ESA-Flugdirektor Andrea Accomazzo, den Kollegen Stephan Ulamec und Paolo Ferri war es der Französin gelungen, die Maschine auf Kurs zu halten.

Elsa Montagnon

Elsa Montagnon

Raketen zu steuern, gilt nicht als Frauensache. „Technik wurde mir tatsächlich nicht in die Wiege gelegt“, erzählt Montagnon in ihrem kleinen Büro des ESA-Kontrollzentrums in Darmstadt. 1976 im burgundischen Dijon geboren, als Tochter einer hohen Staatsangestellten und eines Chirurgen, habe sie „damals nie hinterfragt, wie meine Zukunft aussieht.“ Klavierstunden lagen  ihr näher als das Weltall. Auf dem privilegierten,  gleichzeitig von Leistung besessenen Weg zu einer von Frankreichs typischen Elite-Schulen konnte eigentlich nichts passieren.

Ja, sie funktionierte. Einer Rakete glich ihre Karriere aber nicht. „Vor meinem Abitur zog ich nach Gouadeloupe, das hat meine Augen geöffnet“, meint die Französin heute. Ihre Eltern hatten sich scheiden lassen, sie folgte der Mutter. Dort blühten der Teenagerin nicht nur Zuckerrohr und Bananen: „Bei der Ankunft fühlte ich mich in einem anderen Frankreich – als wäre die Zeit stehen geblieben“. Manchmal fehlte in der Karibik tagelang Leitungswasser. Streiks konnten das ganze Land stilllegen: Auch die Spiel- und Klassenkameraden, Urenkel früherer Sklaven, stammten nicht mehr aus behütetem Bürgertum. „In Gouadeloupe habe ich angefangen, über mein Leben nachzudenken“, erzählt die Französin.

Von Diversität spricht die Raumfahrt-Expertin im Gespräch mehrfach. Darauf schwört Montagnon auch in ihrem achtköpfigen ESA-Team. Unter den Wissenschaftlern und Ingenieuren, mit denen sie in Darmstadt arbeite, seien drei Frauen, sagt die Spacecraft Operations Managerin: „Türkei, Spanien, Deutschland und Frankreich – wir sitzen alle an einem Tisch“. Ziel des Teams ist Europas nächste Mission, diesmal zum Merkur. In zehn Jahren soll „BepiColombo“ auf dem kleinsten, schnellsten und der Sonne am nächsten stehenden Planeten landen. Dafür beschäftigt die ESA insgesamt 40 Spezialisten. Gesprochen wird Englisch.

Wirft eine Frau wie diese nichts aus der Bahn? Vor 16 Monaten wurde ihr Sohn geboren. Der kleine Prinz hat wächst französisch auf, hat einen englischen Papa spielt und mit deutschen Kindern in einer normalen Krippe. „Dass er eine Heimat braucht, beschäftigt uns Eltern schon“, gesteht Montagnon. „Aber meinen Job aufzugeben, kam nie in Frage. Ich habe die letzten 15 Jahre doch nicht so viel gearbeitet, um plötzlich alles aufzugeben!“ Ihr Arbeitgeber investiere viel Geld, um Frauen in Führungsebenen zu bringen.

2015_Montagnon_1Zur ESA kam Elsa Montagnon als Studentin. Als Praktikantin im Kontrollzentrum Darmstadt erlebte sie, wie Maschinen durch das All gesteuert werden. „Der Gedanke hat mich sofort fasziniert“. Hinzu komme ein begeisterndes Umfeld mit Kollegen. Als das Landefahrzeug der Rosetta aufsetzte, erzählt Montagnon, da hätten viele vor Freude geweint. Montagnon: „Sie glauben gar nicht, wer alles ein Taschentuch auspackt unter diesen Männern.“  

Die Waagefrau ist eine Perfektionistin, steht in ihrem Sternzeichen. Als vor wenigen Monaten die aktuelle Mission zum Merkur zu platzen drohte, weil die Solarpaneele bei 350 Grad Celsius streiken würden, flossen auch ihr Tränen. Die Flugchefin für BepiColombo stand vor dem Aus. Nach Wochen der Verzweiflung kam eine ESA-Kollegin auf rettende Ideen. Die Merkur-Mission sei noch komplizierter als Rosetta, meint Montagnon. Keramikfasern und eine Schutzschicht aus Titanium wurden entwickelt, um BepiColombos Geräte vor solarer Höllenglut zu schützen. Elsa Montagnon reizen solche Grenzen: „Ich liebe Freiheit und Verantwortung“. Ob sie auch diesmal erfolgreich ans Ziel steuert, wird sich im Jahr 2024 zeigen.

PIONIER DER FRIEDLICHEN RAUMFAHRT

Die Weltraumagentur ESA ist eine unabhängige Behörde, finanziert von 20 europäischen Staaten. Sie wurde vor 40 Jahren ins Leben gerufen zur friedlichen Raumfahrt, kooperiert bei der Raumstation ISS aber mit den USA und Russland. Die Zentrale in Paris leitet seit 2003 Jean-Jacques Dordain, ihm folgt zum 1. Juli 2015 ein Deutscher, Johann-Dietrich Wörner.

Weltweit beschäftigt die ESA über 2000 Menschen. Größte Außenstelle ist die ESTEC in Holland, in Darmstadt gibt es das Kontrollzentrum ESOC, in Köln das Astronautenzentrum EAC, auf Französisch-Guayana einen Raketen-Flugplatz, sowie Forschungs- und Gründerzentren von Toulouse und Oberpfaffenhofen bis Moskau.

Flaggschiff der ESA ist die Ariane-Trägerrakete. Derzeit betreibt sie 14 aktive Satelliten, bis Ende 2015 sollen es 17 werden. Hinzu kommen zahlreiche Missionen, wie BepiColombo zum Planeten Merkur. Der Standort Toulouse startet im März und Dezember 2015 zwei Galileo-Satelliten der EU für die zivile Navigation.

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